Ultima ora, Mihail Sebastian
Es ist Sonntag Morgen und durch meine Wachs-Ohrstoepsel dringt der bedaechtige, aber hartnaeckige Beat der Weihnachtslieder, mit denen mein Nachbar den Tag des Herrn begeht. Ich beklage mich nicht, diese Klaenge sind mir lieber als die prophaneren, die er werktags - und leider auch schlafnachts - bevorzugt...
Ich erinnere mich an das Stueck von Freitag Abend. Ein Wunder, dass ich zehn Minuten vor Vorstellungsbeginn eine Karte bekommen habe, da im Teatrul National die Stuecke scheinbar chronisch ausverkauft sind. Im postkommunistischen Rumaenien ist das Schlange Stehen ansich aus der Mode gekommen, es sei denn man will ins Nationaltheater.
Das Stueck ist immerhin schon seit 2003 im Programm, vielleicht erklaert das einiges.
Das Stueck von Mihail Sebastian wird im Programm so angepriesen
Ultima capodoperă a literaturii dramatice interbelice,
o comedie de mare actualitate,
în care tentaţia banului şi a puterii se confruntă cu fascinaţia bogăţiei spirituale.
O comedie de neuitat, cu admirabile dialoguri, într-o montare realistă
cu o distribuţie memorabilă.
o comedie de mare actualitate,
în care tentaţia banului şi a puterii se confruntă cu fascinaţia bogăţiei spirituale.
O comedie de neuitat, cu admirabile dialoguri, într-o montare realistă
cu o distribuţie memorabilă.
vreau sa adaog citand o replica din piesa: un spectacol "naucitor", cu o trama absolut delicioasa si niste caractere impecabil conturate.
In dem Stueck geht es um ein drittklassiges Tagesblatt der Zwischenkriegszeit "Desteptarea" (Die Erweckung, oder Das Erwachen, je nach dem), das aus Versehen einen wissenschaftlichen Artikel eines Geschichtsprofessors namens Alexandru Andronic ueber Alexander den Grossen publiziert, der eigentlich fuer ein Wissenschaftsmagazin gedacht war. Natuerlich ist der Vorfall bezeichnend fuer die chaotische Arbeitsweise der Redaktion und Druckerei.
Beide Parteien sind ueber den Zwischenfall entruestet: einerseits die Redaktion, weil die Frage, ob Alexander im 3. Jahrhundert vor Christus seine Heere mit Roggen oder mir Gerste ernaehrt hat, der sowieso schon geringen Leserschaft dieser TAGES-Zeitung am A...BC vorbei geht, und andererseits der sanfte und weltferne Professor, weil sein Forschungsbeitrag auf den Seiten dieses tinteklecksenden Blaettchens sozusagen vor die Saeue geworfen ist. Ausserdem ist der Artikel durch Druckfehler dermassen entstellt, dass seine intendierte Durchschlagskraft in der Alexanderforschung dadurch vereitelt ist.
Es prallen zwei Welten aufeinander, die in der Begegnung des Professors mit dem Chef-Redakteur nicht besser dargestellt werden konnten.
Die uebernaechtigten Redakteure haben ihren Schwips vom Tag zuvor noch nicht ganz ausgeschlafen, da kommt in hoechster Aufregung der Professor rein. Diese Szene lebt vom Regenschirm, den Professor Andronic dabei hat. Der Schirm geht naemlich nicht richtig zu, springt andauernd auf und multipliziert auf diese Weise die hektischen Bewegungen des Professors. Andronic will gerade durch die Tuer, der Schirm ist zusammengefaltet, doch ploetzlich geht er auf, Andronic kommt nicht mehr durch die Tuer, er muss zurueck, inzwischen sind ihm die Blaetter aus der Hand gefallen, beim Versuch, sie aufzulesen, geht der Schirm wieder auf und dabei ist ihm auch nocht die Tasche aufgegangen etc etc...
Seine Sorge um die entstellenden Druckfehler stoesst auf blanke Gleichgueltigkeit. Es ist eine koestliche Gegenueberstellung von akademischen Sorgen um die richtige Jahreszahl v. Chr. und die richtige altgriechische Etymologie einerseits und andererseits die Sorge um das finanzielle Ueberleben, die Verkaufsexemplare und die Gunst des Ministers.
Jedenfalls erweisen sich der Druckfehler als folgenreich: der Grossindustrielle Bucsan, dem die halbe Stadt gehoert und der mit Ministerposten nach Belieben jongliert, hat den Artikel gelesen und haelt die Ausfuehrungen Andronics ueber die Roggen-und-Gerste-Problematik bei Alexander dem Grossen fuer eine klare Anspielung auf seine millionentraechtige Roggen-Geschaefte, die er durch den scheinbar hoechst subversiven Artikel gefaehrdet sieht.
Ist das nicht einfach genial?!! Dank einer Handvoll Druckfehlern werden Alexander der Grosse und, an seiner Seite, sein Biograph, Alexander der Kleine - so nennen ihn seine Studierende -ins Herz der korrupten Gegenwartspolitik katapultiert und der Bestechungsreigen nimmt seinen natuerlichen Lauf. Die Verwechslungskomoedie ist perkeft. Keiner versteht die Intentionen des Anderen, am wenigsten der Professor, der ploetzlich von allen Seiten hofiert wird, und den das Interesse an seinen antikhistorischen Erkenntnissen ueberweltigt.
Am klarsichtigsten ist wahrscheinlich die junge blauaeugige Studentin, die weltfern und uebergeschnappt auftritt, weil sie in Alexander (dem Grossen, vorerst, dann auch in den Kleinen) verliebt ist, der ihr im Traum erschienen sei. Obwohl sie so naiv auftritt, durchschaut sie die Situation, anders als der geblendete Professor, und ergreift die Chance, die sich durch den missverstandenen Artikel auftut, um ihre Ziele zu erreichen. Sie knoepft dem Grossindustriellen so viel Erpressungsgeld ab, dass sie und ihr inzwischen Liebhaber Andronic sich davon eine Reise auf den Spuren Alexanders des Grossen finanzieren koennen.
Kurz, es war ein absolut erfuellter Theaterabend mit einer Regie und Charakterzeichnung vom Feinsten. Ich bin begeistert von der Idee, wie durch ein paar Druckfehler und eine phantasievolle Lesart ein Geschichtsartikel zu einem unbeabsichtigten Erpressungsinstrument werden kannn. Das kann man dem korrupten und skrupellosen Bocsan immerhin lassen, dass er ein begabter allegorischer Leser ist. Ausserdem liefert das Stueck reichend Anschauungsmaterial fuer die These, dass Publikationsart und -ort eines Textes bedeutugnskonstitutiv sein koennen.
